Tourtagebuch – Hals über Kopf in Ungarn

Spontan mit dem Golddaumen ins Gulaschland

Hallo, liebes Tagebuch.

Neulich war ich mal wieder auf Tour, und das möchte ich Dir unbedingt gleich schreiben.

Es war so ein spontaner Entschluss, ohne Gastspielvertrag und doppelten Boden. Der Typ meinte am Telefon: „Ja oké geht klar. Komm einfach rum, kannst paar Abende hintereinander unser Gaststar sein. Haste genug Programm für 2 Stunden hintereinanderweg?“

Naja, da habick natürlich zurückgegeben: „Klar, kein Problem, ich kann auch drei. Bin morgen da! Also denn, Viszlát.“Viszlát gehört zu den paar Brocken Ungarisch, die ich seit Schüleraustauschzeiten noch drauf hab.

Wie genau ich es so schnell nach Györ schaffen sollte, wusste ich noch nicht. Aber ich hab ja als amtlicher „Commander Superfinger“ den midas‘schen Golddaumen fürs Trampen immer bei mir.

 

Keine Ahnung, aber voll drauf los

Flix das Wichtigste eingepackt, dann auf ein Pappschild „Ungarn“ geschnörkelt und so ging es gleich schnell weg aus der Skalitzer Straße und ab auf den Ring. Ein paar Richies-Songs auf Walkman, und schon war ich auf der Abtrampe im Süden Berlins.

Hier gab es einen langen Halt. Es wurde Abend. Es wird schließlich Nacht. Ich verbringe eine Nacht auf diesem Rastplatz. Und keiner nimmt mich mit. Oh Mann ey!

Lange steh ich da, trampender Zitronen-Mann mit Klampfe unterm Arm und nix weiter als eine Umhängetasche mit dem Nötigsten.

Keiner mehr geht meinem gut geölten Charme ins Netz und nimmt mich mit, weg von diesem Ort.Es wird irgendwann auch noch kalt. Gegen noch später sogar saukalt. Ich merke: Keine zusätzlichen Kleider eingesteckt, und auch für heiße Typen wie mich, den heißen Zitrone Rock, is nur ein T-Shirt und eine Lederjacke, die eigentlich aus billigem Lederimitat-Plastik ist, einfach zu kalt.

 

Traurig-Texter in der nächtlichen Eiseskälte

Es vergehen traurig-einsame Eiskaltstunden. Und das einzige, was bis hierher Gutes über diese Tramper-Nacht zu sagen ist, sind eine Handvoll Rap-Zeilen, die ich so vor mich hinerfinde und mir für meinen Bügel-Song aufhebe:

„Dampfstufe zero, aber Sprühshirt-Hero! | ‘ bin der Dampfmach-Mann, schau was ich so kann | Die faustgroße Frucht vom Zitronenbaum | Kommt nun herunter gefalln, um auf die Ohren Dir zu haun“

Ja, das ist gut… Unter schwierigen Umständen entstandene Supergoldzeilen zum Welterobern und für die noch vollständigere Zitrone-Rock-Werdung mit Selbstüberholung, eigener CD und Wohnzimmerkonzerten am besten in jedem Pupskaff der Welt.

„Die faustgroße Frucht vom Zitronenbaum | Kommt nun herunter gefalln, um auf die Ohren Dir zu haun…“Was mir jetzt allerdings auf die Ohren geht, ist die erbärmliche Kälte! Scheiße!

 

Wie eine gepfefferte Antwort mich sprachlos macht

Die Nacht zieht sich so langsam in die Länge. Ich ändere um halb vier Uhr früh endlich meine Strategie und schreibe auf die Pappe jetzt mit dickem Filzstift: Rom. Dann Wien. Dann Dresden. Zuletzt probiere ich es mit allem, was mir einfällt. Buxtehude. Hintertupfingen. Mainz. Mölln. Murnau. München. Meinertshagen. Minden…

Und Minden klappt! Juhu! Später erfahre ich, dass das ungarische Wort für „egal“ „mindengy“ ist – das muss er wohl gelesen haben.

Denn jetzt verlangsamt endlich einer, und Hoffnung kommt auf.

Icke: Pappe weg, hingestürmt, juhu endlich mal jemand der stoppt. Ich sehe: Ein Citroen, tiefergelegt, berührt fast den Asphalt beim Fahren, die Scheiben milchig-braun undurchsichtig. Kaum auszumachen, was im Inneren des Wagens auf mich warten mag. Der Motor ist laut. Sowas von laut aber auch!

Der Wagen hält endlich vollständig an, aber weiter passiert nix. Ich höre von drinnen eine Stimme. Klingt so, als wäre LemmyKilmister auferstanden und hätte sehr schlechte Laune. Aua. An wen bin ich denn da geraten, denke ich bei mir. Doch meine Sorgen weichen schnell bei der greifbaren Möglichkeit, in einem gut geheizten Wageninneren Platz zu nehmen. Und, wie ich jetzt durch einen Fensterspalt sehen kann, ist alles obendrein gut gepolstert. Dick, weich und flauschig, so wie in den guten alten Siebzigern. Einladend, sich hinzulümmeln und mal die Augen zu schließen, um endlich so richtig einen wegzudösen. Von diesem verheißungsvollen Drinnen als eine Stimme. Und ich antworte brav irgendwas. Und wundere mich noch ein wenig.

Lenkrad umpelzt, Sitzschoner in Tigeroptik, Flauschwürfel am Rückspiegel. Ich erkenne am Steuer einen wettergegerbten, lebenserprobten, knorrigen Schrat. Wie Räuber Hotzenplotz, Ströbele und Steve Buscemi in einem. Irgendwie unheimlich. Meine Angst vor Irren ist groß. Doch mein Herz für Underdogs ist größer. Und mein Temperaturverlust ist maximal.

Ich hüstel, räusper mich und klopfe -unnötigerweise- noch einmal brav-bittend an die Beifahrerscheibe.

 

Yeahletsgo: Große Terz zuerst!

Es kommt jetzt endlich mal eine Antwort von drinnen. Nur: ich kann garnichts verstehen! Ich setze etwas direkter nach, bin ja schließlich Berliner. Nüscht. Englisch. Noway. Spanisch. i No ! Französisch. Rien. Übriggebliebene Urlaubsbrocken schwappen über meine blauen, sich nach Auftauen sehnenden Nachtlippen: Schwedisch. Italienisch… Kroatisch! Bei Kroatisch komme ich mir schon langsam komisch vor: Bin ich jetzt der Empfangschef im Hilton oder trampender Punkrocker? Wieder dieselbe Antwort jedenfalls von Lemmy, und ich beschließe, jetzt einfach einzusteigen und nun meinem „anywheregoes“-Motto endlich Taten folgen zu lassen.

Vielleicht war es Ungarisch, denke ich mir, als der Schrat am Steuer zwar behende losstartet, aber noch immer nicht nach rechts zu mir hin schaut. Eine Sonnenbrille (!) macht Augenkontakt ohnehin unnötig. Und rauchen muss ich nicht selbst. Ich sitze in einer unglaublichen Stinkblase. Es qualmt aus dem Aschenbecher, der Fahrer raucht auch noch selbst, alles voller Rauch also, und. Nur so viel. Er fährt in Socken. Puh! Puuh! Stink-stank hoch zehn! Pumakäfig…

 

Wie ich das fremdländische Sprachwirrwar für mein Fortkommen nutze

„Énvagyok a halottember a borsdaráló“, sagt Schratok, der Fahrer.

(Gesprochen etwa so: Eenvodjokk o hollotämbär o borschdoraalo)

Ich frage: Rom? München? Wien?

Endlich ein menschliches Zeichen. Er lacht. Er lacht laut und deutlich, dass er mit seinem Lach-Atem und der froh nach vorn stupsenden Nick-Nase schnurgerade die dicksten Rauchwolken zerteilt.

Und sagt „Jo. Jo. Budapest! Jo hey“

Énvagyok a halottember a borsdaráló, sagt Schrati nochmals zur Bekräftigung.

In ein paar Tagen erfahre ich: Die Begrüßung meines neuen Freundes heißt übersetzt

„Ich bin der Tote in der Pfeffermühle!“ Es ist eine alte Geheimparole des ungarischen Geheimdienstes, noch aus Zeiten des Kalten Krieges.

Aber jetzt geht’s erstmal los. Ins geliebte Gulaschland. Ausziehen, das Gruseln zu verlernen und endlich die Band „Aurora“ persönlich kennenlernen. In ländlichen Hinterhöfen mit süßen Miezen Nasenstupser tauschen. Bei Frötsch und Pálinka. Also jetzt erstmal los. Im Namen der Pfeffermühle.

 

Fortsetzung folgt

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