„Ich mache kein Marketing, ich liebe einfach meine Fans“ – was Zitrone Rock damit eigentlich garnicht sagen wollte

Marketing is heutzutage in aller Munde: 1000 Modelle, zig konkrete Ansätze, wenige wirkungswolle Mittel für die Taschengeldhelden mit wenig Budget und großem Herzen.

Ich empfehle: Nicht lange rumnörgeln dass es schwer ist x zu tun oder y zu lassen. Einfach loslegen und es wachsen sehen. Es gibt keine Fehler, nur Resultate, und die können immer besser werden. Ich freue mich schon auf Dich und Deine Erfolge 🙂

Die besten Ideen kommen mir beim Bügeln. Da hab ich gleich ein Lied drüber geschrieben

Ich bleib beim Bügeln – anhören und downloaden

Hier ein paar Tipps wie Du als Künstlerin & Künstler mit wenig Geld viel Marketing machen kannst:

  1. Finde eine Handvoll Superfans, die mit Dir durch Dick und Dünn gehen. Die alles von Dir haben möchten und überall hinfahren würden. Austausch von Geben und Nehmen: Gib rare Tracks, VIP-Konzerte im kleinen Kreis und knuffige Zwischendurchnachrichten zum Stand Deiner Kunst. Bitte um Feedback und Förderung
  2. www.canva.com nutzen für Buchcover, CD-Cover, Bilder für eine Single-Veröffentlichung, Veranstaltungs-Flyer, Posts in Social Media
  3. www.openpr.de für Pressemitteilung nutzen, und zuvor hier https://frauschmittschreibt.com/ etwas Textberatung buchen
  4. www.bandcamp.com, www.youtube.com, www.soundcloud.com nutzen als Antwort auf die Frage: „Wo finde ich als Veranstalter etwas zu dem Act im Netz? Online-Auffindbarkeit kann man in 3 Stunden leicht optimieren.
  5. Finde einen Deiner Superfans, der mit einem guten Handy ein Kurz-Video von Dir aufnimmt. Veranstalter wollen etwas sehen als Antwort auf die Frage: „Wie fühlt es sich an, wenn er auftritt? Wie ist sie so?“ Viele fressen’s erst, wenn sie’s gesehen haben. Meine Erfahrung: 2 Minuten reichen schon. Besser gut als viel. Teurer kann es immer noch werden, aber die ersten Jahre hast Du sowieso noch den Charme des Einsteigers
  6. Geben ist seeliger als Nehmen. Visitenkarten sind nicht für lange Monate unterm Bett gedacht, CDs gehören nicht in den Keller. Bring Deine Botschaft unter die Leute, persönlich, per Post, im Netz.
  7. Nutze whatsApp- und threema-Marketing. Du kannst Deinen Text vorher aufschreiben und dann locker ablesen. Bis zwei Minuten ist gut, wenn es ansprechend vorgetragen wird und Neuigkeitswert hat. Dann über die „weiterleiten“-Funktion an Deine gut sortierten Kunstfreunde-Kontakte. Sehr geeignet für Auftritte. Am besten 10 Tage vor dem Ereignis auf whatsApp oder threema versenden, zusammen mit einem kleinen Flyer-Bild.
  8. Ein Tipp noch zur Konzertdauer bei Wohnzimmerkonzerten. „In etwa ‘ne Stunde dauert das Ganze“, so der oft gehörte Satz zum Thema Zeitplanung. Wenn das Wohnzimmerkonzert angekündigt wird mit Beginn 19:00 Uhr, dann ist um 19:40 Uhr meist Zeit fürs Pausemachen: Pipi machen, trinken, flirten, rauchen, futtern oder was sonst wichtig ist (z.B. Kollekte einsammeln). Und: Die Zweite Halbzeit sollte kürzer sein, als z.B. von 20:00 bis 20:30 Uhr dauern. Selbst mit Verspätung ist dann vor der magischen Hausordnungs-Grenze „Um 22 Uhr ist aber Ruhe!“ meist alles in trockenen Tüchern: Publikum ist begeistert, Nachbarn sind happy, Haussegen hängt gerade, Gastgeber ist ein Star, alles tippitoppi
  9. Beten, mit sich selbst im Reinen sein, gute Beziehungen zu jedermann. Dann mit einem ersten Fan anfangen und es ausbauen.

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Yvonne Stahlhacke mit ihrer gewohnt unaufgeregten Noblesse. Hat mal wieder eine spezielle Meinung zu Zitrone Rock:

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Alegra C. Moore aus Seattle, USA hat sich die Show angeguckt. Seitdem macht Alegra mächtig Werbung für die Mission coooler Wohnzimmerkonzerte. Sie wohnt in Seattle, Rom und Berlin. Text ist in Englisch.

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Meine Traumfrau an der Schießbude, Yvonne Stahlhacke erzählt hier noch einen auf Deutsch. Sie erklärt, warum ein Wohnzimmerkonzert ne tolle Sache ist.

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p.s.

Hier noch ein paar Bilder von meinem gestrigen Ausflug an den Wannsee: Zitrone Rock live auf dem Schiff, Geschichten und Märchen für Ausflugstouristen und blinde Passagiere.

Es war ne dufte Gaudi mit 17% Pumuckl und 11% Helge Schneider, alles fett Schalk im Nacken – bei der Hitze eine Wunderwaffe gegen Halsrötung!

Kaum Gäste da, mir doch egal
Broken-Windows-Theorie falsifiziert! ZR is am Start 🙂
I see faces
Leinen Los! Klabautermann kann baden gehn
BVG is oké
Heidi was here
dann geh ich eben zu Fuß weiter
162,54 Euro plus Gratis-Pizza, okay für einen langen Nachmittag mit Musik

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Der Judo-Gig im Berliner Nordwesten. Au weia!

 

Hallo, liebes Tagebuch.
Neulich war ich mal wieder auf Tour, und das möchte ich Dir unbedingt gleich schreiben. Wie es bei uns der am Strande der Bürgerlichkeit Gestrandeten nun mal vorkommt, bügle ich ja wie Du weißt inzwischen die Wäsche im Hause Rock. Und das immerhin in einer verblüffend hohen Qualität, wie mir die Generation 70plus regelmäßig bestätigt.

Uchi Mata, der Wurf für jedes Wohnzimmer

Punk is Dad: Judo-Gig

Fenster blitzblank putzen, Badewanne durch regelmäßiges Scheuern gepflegt halten, sogar gelegentliche Näharbeiten. Und natürlich einkaufen, aufräumen und Schuhe putzen! All das beherrsche ich mittlerweile recht gut, und der Rockladen zu Hause bleibt in Schuss. Ach ja. „Obwohl es doch eigentlich eine typische Frauenarbeit ist“ – so raunt es Schwiegermutter noch immer gelegentlich hinterdrein, wenn mal eine kleine Wertschätzung aufblitzt. Es ist eine andere Generation…

Zwo Erwachsene, zwo Kinder, alles wie überall?

Wir sind halt Mittelschicht, zwei Erwachsene, zwei Kinder. Mit allem Pipapo, was einen da so in den Vierzigern mit Nachwuchs zwischen zehn und sechzehn Jahren so umtreibt und beschäftigt.

Brotboxen gesund füllen, nicht zu viel Medienkacke, gutes Gespräch, Bewegung, gesunder Schlaf, genug Einfachdasein. Ermutigen, relativieren, trösten und die Dinge des Lebens positiv vorleben. Ab und an auch mal ein Kind zum Sport oder zur Kultur kutschieren. Bei uns ist es das Wandern und Kanufahren und die Musik, was immer mal in die Freizeit reinpasst und zusammen angestellt einfach Freude bringt. Für den Alltagsgebrauch ist es der Kampfsport, zu dem ich die Kinder und mich selbst immer wieder hinmotorisiere und auch natürlich auch emotional begleite. Unsere Jüngste war neu und konnte sich den Gürtel noch nicht richtig binden. Um ihr den Weg in die Gruppe etwas zu bahnen und sie zur Kontaktaufnahme zu ermutigen, murmelte ich ihr jetzt im Umkleideflur zu: „Frag doch mal die eine da drüben, bei der sitzt der Gürtel ja richtig gut.“ Die Kurze also hin, schubst sich selbst toll mutig über die Angstschwelle und legt ihren Ansinnen dar.

Judo = Luftzerteilung mit Fuß, tut immer mal gut

Uchi Mata mal ganz anders. 1000 Gute Gründe…

Die Perfektbinderin riecht den pädagogischen Braten eines vom Vater geschickten Kindes als Sozialprobierstückchen, saust an der Kampfaspirantin vorbei, und baut sich vor mir auf.

„Ja, Herr Rock. Mein Vater ist ein Ingenieur. Meine Mutter ist eine Rechtsanwältin. Da komme ich wohl aus einem guten Elternhaus und kann auch einen guten Gürtel binden!“

Steht da doch dieser Ichstärke-Klops drahtig vor mir stramm, schon sehr dolle vorabversichert der nötigenfalls Wegfreikaufung durch die Alten. Überbordende Obrigkeit in jedem Wimpernschlag und selbstverständlicher Führungsanspruch schon im kindesaltrigen Aussprechen der eigenen Kompetenzen. So steht sie vor mir. 50 Kilo, die mich sprachlos machen.

Ich bin zwar auf dem besten Weg, ein alter Sack mit Punk-„Vergangenheit“ zu werden, aber ich bin zum Glück gut genug imprägniert für solche Anwürfe im Vorleben von Lebensfeindlichkeit, Narzissmus und Energieraub.

Buttons machen schlanken Fuß, auch im Dojo

 

 

Lösungsmöglichkeit: Schießen mit dem Freundlichkeitsgewehr

Hab es kurz mit Billiglob wegpariert und die Kinder zum Spielen geschickt. Die Kurze hat sich dann beim Sport übrigens prima durchgeboxt und durch flinkes Wegducken die allermeisten Greifversuche vereitelt. Super! Blitzschnell wegflutschen, wenn die Scheiße kommt. Und im Zweifelsfall halt mit Sonnengeflecht, Kehlkopf oder Nasenbein Kontakt aufnehmen, wenn es gar nicht mehr anders geht.

Leute, die Funken der schönen Götter sind wirklich reichlich auf mich niedergeprasselt. Und so bin ich mittlerweile voll gut angefüllt mit ruhig-vergewisserter Selbstverständlichkeit. Habe mein Leben bis hierher ordentlich vollgepumpt bekommen mit Lebenslust, Ausprobieren und Vielfalt. Antriebe waren zum einen eine kleine Angst, etwas zu versäumen. Und eine große Freude an Leidenschaftlichkeit im wuchtigen Hineinbrechen in immer wieder neue Erfahrungen während meiner immensen Selbstüberholungsversuche, die empfinde ich regelmäßig. Auch bei den ganz alltäglichen, ganz klein scheinenden Dingen.

Ich bin ich – und zwar sehr: Zitrone Rock.

 

 

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Vokabeln

Dojo

Kampf- und Übungsraum

 

Uchi Mata

auch genannt „Wurf der Könige“. Schöne Möglichkeit, einen Gegner ums eigene Bein herum auf den Boden zu hebeln. Sozusagen eine punkige Selbstverwirbelung mit erfolgversprechender Siegesoption.
(Achtung liebe Punkrocker! Im Nordwesten von Berlin gibt es ne heißte Punkband mit dem Namen „The Uchi Matas“)

 

1000 Gute Gründe

…auf dieses Land stolz zu sein…“ – Legendärer Schlachtruf und gleichnamiges Lied der Rockgruppe „Die Toten Hosen“

 

Wegfreikaufung

Doof, unsozial, schlechtleistend, nullbockhaltungzeigend?
„Die Alten werden es schon richten. Notfalls zahlen die mir halt zwei Coaching-Ärzte, die mich durch Physikum drücken.
Oder ein kostspieliges Jura-Repititorium (mit Edel-Häppchen). So lange, bis ich es schaffe.

Syn.  „Sich nen Doktor-Titel kaufen“

Syn.  „Ghostwriter engagieren“

Syn.  „Den Guttenberg machen“

 

kindesaltrig

Wenn man noch nicht strafmündig ist. Bei uns: unter 14 sein.

 

Freundlichkeitsgewehr; mit dem ~ schießen

Wenn man eigentlich Bock hat, dem anderen eins vorn Latz zu knallen, man aber nicht bereit oder in der Lage ist, die sozialen Sanktionen oder das eigene Über-Ich zu ertragen. Dann scheißt man mit dem Freundlichkeitsgewehr: Eine aufgesetzt-übertriebene Art der Erwartungserfüllung, die unterschwellig zeigt: „Ich find das jetz kacke.“

Tourtagebuch – Hals über Kopf in Ungarn

Tourtagebuch – Hals über Kopf in Ungarn

Spontan mit dem Golddaumen ins Gulaschland

Hallo, liebes Tagebuch.

Neulich war ich mal wieder auf Tour, und das möchte ich Dir unbedingt gleich schreiben.

Es war so ein spontaner Entschluss, ohne Gastspielvertrag und doppelten Boden. Der Typ meinte am Telefon: „Ja oké geht klar. Komm einfach rum, kannst paar Abende hintereinander unser Gaststar sein. Haste genug Programm für 2 Stunden hintereinanderweg?“

Naja, da habick natürlich zurückgegeben: „Klar, kein Problem, ich kann auch drei. Bin morgen da! Also denn, Viszlát.“Viszlát gehört zu den paar Brocken Ungarisch, die ich seit Schüleraustauschzeiten noch drauf hab.

Wie genau ich es so schnell nach Györ schaffen sollte, wusste ich noch nicht. Aber ich hab ja als amtlicher „Commander Superfinger“ den midas‘schen Golddaumen fürs Trampen immer bei mir.

 

Keine Ahnung, aber voll drauf los

Flix das Wichtigste eingepackt, dann auf ein Pappschild „Ungarn“ geschnörkelt und so ging es gleich schnell weg aus der Skalitzer Straße und ab auf den Ring. Ein paar Richies-Songs auf Walkman, und schon war ich auf der Abtrampe im Süden Berlins.

Hier gab es einen langen Halt. Es wurde Abend. Es wird schließlich Nacht. Ich verbringe eine Nacht auf diesem Rastplatz. Und keiner nimmt mich mit. Oh Mann ey!

Lange steh ich da, trampender Zitronen-Mann mit Klampfe unterm Arm und nix weiter als eine Umhängetasche mit dem Nötigsten.

Keiner mehr geht meinem gut geölten Charme ins Netz und nimmt mich mit, weg von diesem Ort.Es wird irgendwann auch noch kalt. Gegen noch später sogar saukalt. Ich merke: Keine zusätzlichen Kleider eingesteckt, und auch für heiße Typen wie mich, den heißen Zitrone Rock, is nur ein T-Shirt und eine Lederjacke, die eigentlich aus billigem Lederimitat-Plastik ist, einfach zu kalt.

 

Traurig-Texter in der nächtlichen Eiseskälte

Es vergehen traurig-einsame Eiskaltstunden. Und das einzige, was bis hierher Gutes über diese Tramper-Nacht zu sagen ist, sind eine Handvoll Rap-Zeilen, die ich so vor mich hinerfinde und mir für meinen Bügel-Song aufhebe:

„Dampfstufe zero, aber Sprühshirt-Hero! | ‘ bin der Dampfmach-Mann, schau was ich so kann | Die faustgroße Frucht vom Zitronenbaum | Kommt nun herunter gefalln, um auf die Ohren Dir zu haun“

Ja, das ist gut… Unter schwierigen Umständen entstandene Supergoldzeilen zum Welterobern und für die noch vollständigere Zitrone-Rock-Werdung mit Selbstüberholung, eigener CD und Wohnzimmerkonzerten am besten in jedem Pupskaff der Welt.

„Die faustgroße Frucht vom Zitronenbaum | Kommt nun herunter gefalln, um auf die Ohren Dir zu haun…“Was mir jetzt allerdings auf die Ohren geht, ist die erbärmliche Kälte! Scheiße!

 

Wie eine gepfefferte Antwort mich sprachlos macht

Die Nacht zieht sich so langsam in die Länge. Ich ändere um halb vier Uhr früh endlich meine Strategie und schreibe auf die Pappe jetzt mit dickem Filzstift: Rom. Dann Wien. Dann Dresden. Zuletzt probiere ich es mit allem, was mir einfällt. Buxtehude. Hintertupfingen. Mainz. Mölln. Murnau. München. Meinertshagen. Minden…

Und Minden klappt! Juhu! Später erfahre ich, dass das ungarische Wort für „egal“ „mindengy“ ist – das muss er wohl gelesen haben.

Denn jetzt verlangsamt endlich einer, und Hoffnung kommt auf.

Icke: Pappe weg, hingestürmt, juhu endlich mal jemand der stoppt. Ich sehe: Ein Citroen, tiefergelegt, berührt fast den Asphalt beim Fahren, die Scheiben milchig-braun undurchsichtig. Kaum auszumachen, was im Inneren des Wagens auf mich warten mag. Der Motor ist laut. Sowas von laut aber auch!

Der Wagen hält endlich vollständig an, aber weiter passiert nix. Ich höre von drinnen eine Stimme. Klingt so, als wäre LemmyKilmister auferstanden und hätte sehr schlechte Laune. Aua. An wen bin ich denn da geraten, denke ich bei mir. Doch meine Sorgen weichen schnell bei der greifbaren Möglichkeit, in einem gut geheizten Wageninneren Platz zu nehmen. Und, wie ich jetzt durch einen Fensterspalt sehen kann, ist alles obendrein gut gepolstert. Dick, weich und flauschig, so wie in den guten alten Siebzigern. Einladend, sich hinzulümmeln und mal die Augen zu schließen, um endlich so richtig einen wegzudösen. Von diesem verheißungsvollen Drinnen als eine Stimme. Und ich antworte brav irgendwas. Und wundere mich noch ein wenig.

Lenkrad umpelzt, Sitzschoner in Tigeroptik, Flauschwürfel am Rückspiegel. Ich erkenne am Steuer einen wettergegerbten, lebenserprobten, knorrigen Schrat. Wie Räuber Hotzenplotz, Ströbele und Steve Buscemi in einem. Irgendwie unheimlich. Meine Angst vor Irren ist groß. Doch mein Herz für Underdogs ist größer. Und mein Temperaturverlust ist maximal.

Ich hüstel, räusper mich und klopfe -unnötigerweise- noch einmal brav-bittend an die Beifahrerscheibe.

 

Yeahletsgo: Große Terz zuerst!

Es kommt jetzt endlich mal eine Antwort von drinnen. Nur: ich kann garnichts verstehen! Ich setze etwas direkter nach, bin ja schließlich Berliner. Nüscht. Englisch. Noway. Spanisch. i No ! Französisch. Rien. Übriggebliebene Urlaubsbrocken schwappen über meine blauen, sich nach Auftauen sehnenden Nachtlippen: Schwedisch. Italienisch… Kroatisch! Bei Kroatisch komme ich mir schon langsam komisch vor: Bin ich jetzt der Empfangschef im Hilton oder trampender Punkrocker? Wieder dieselbe Antwort jedenfalls von Lemmy, und ich beschließe, jetzt einfach einzusteigen und nun meinem „anywheregoes“-Motto endlich Taten folgen zu lassen.

Vielleicht war es Ungarisch, denke ich mir, als der Schrat am Steuer zwar behende losstartet, aber noch immer nicht nach rechts zu mir hin schaut. Eine Sonnenbrille (!) macht Augenkontakt ohnehin unnötig. Und rauchen muss ich nicht selbst. Ich sitze in einer unglaublichen Stinkblase. Es qualmt aus dem Aschenbecher, der Fahrer raucht auch noch selbst, alles voller Rauch also, und. Nur so viel. Er fährt in Socken. Puh! Puuh! Stink-stank hoch zehn! Pumakäfig…

 

Wie ich das fremdländische Sprachwirrwar für mein Fortkommen nutze

„Énvagyok a halottember a borsdaráló“, sagt Schratok, der Fahrer.

(Gesprochen etwa so: Eenvodjokk o hollotämbär o borschdoraalo)

Ich frage: Rom? München? Wien?

Endlich ein menschliches Zeichen. Er lacht. Er lacht laut und deutlich, dass er mit seinem Lach-Atem und der froh nach vorn stupsenden Nick-Nase schnurgerade die dicksten Rauchwolken zerteilt.

Und sagt „Jo. Jo. Budapest! Jo hey“

Énvagyok a halottember a borsdaráló, sagt Schrati nochmals zur Bekräftigung.

In ein paar Tagen erfahre ich: Die Begrüßung meines neuen Freundes heißt übersetzt

„Ich bin der Tote in der Pfeffermühle!“ Es ist eine alte Geheimparole des ungarischen Geheimdienstes, noch aus Zeiten des Kalten Krieges.

Aber jetzt geht’s erstmal los. Ins geliebte Gulaschland. Ausziehen, das Gruseln zu verlernen und endlich die Band „Aurora“ persönlich kennenlernen. In ländlichen Hinterhöfen mit süßen Miezen Nasenstupser tauschen. Bei Frötsch und Pálinka. Also jetzt erstmal los. Im Namen der Pfeffermühle.

 

Fortsetzung folgt